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Der Tod ist ein Tor; da wir nur eine Seite kennen, fürchten wir uns vor dem Unbekannten.

Angst entsteht aus Unwissenheit. Im Alltag orientieren wir uns meist an äusseren, sichtbaren Dingen; so erstaunt es nicht, wenn wir beim Anblick eines toten Körpers interpretieren, der Mensch sei gestorben.  Aber sowohl während des irdischen Lebens als auch danach ist der Mensch mehr als sein Körper. Der Mensch ist ein geistiges Wesen und als solches unsterblich - um seine Erfahrungen in dieser Welt zu machen, besitzt er für eine bestimmte Zeit einen Körper, eine äussere Hülle. Der Tod ist dem Traumzustand ähnlich: das Bewusstsein bleibt erhalten, wir haben Gefühle und Gedanken, die allerdings nicht an den Körper gebunden sind. Der Körper wird abgelegt, wie ein Kleid - für eine Nacht oder für immer. 

Das Leben erhält seine Bedeutung erst durch die Endlichkeit, durch den Tod. Würden wir für immer leben, wären unsere Taten kaum relevant: Kein Grund spräche dafür, eine Tat heute durchzuführen und nicht morgen, da in der Ewigkeit genug Zeit wäre. Es gäbe keine Verpflichtungen und keine Verantwortung. Doch sind es gerade diese, die den Menschen herausfordern, ihn zur Handlung zwingen und ihn wachsen lassen. Durch die Vergänglichkeit wird die Tat zur Leistung.

Niemand kann sich vorstellen, tot zu sein: Leere, Dunkelheit und Stille assoziieren wir damit, aber der Tod ist nicht erlebbar. Keine Religion, keine mystische Richtung spricht von einem definitiven Ende. Alle gehen davon aus, dass die Seele des Menschen unabhängig vom Körper existieren kann und ihr Ich - Bewusstsein erhalten bleibt. Auch wenn es sich nicht medizinisch beweisen lässt: Berichte von klinisch toten Menschen bezeugen ein Weiterleben nach dem Tod. Viele dieser Erfahrungen sind einander in den Grundzügen sehr ähnlich.

Während der Mensch als geistiges Wesen ohne Anfang und ohne Ende existiert, kennt der Körper Geburt und Tod. Alles was geboren wurde, wird sterben, alles Sichtbare ist vergänglich. Sich gegen diese Tatsache aufzulehnen oder sie zu verleugnen heisst, das Leben, wie es ist, zu verneinen. Erst wenn wir das Leben als Ganzes, mit seinem Werden und Vergehen, bejahen, können wir frei leben. Nur wer sterben und loslassen kann, vermag wirklich zu leben.

Das Herz nimmt Abschied und erkennt, was bleibt.

Auch wenn wir wissen, dass der Körper vergänglich und der Tod unausweichlich ist, auch wenn wir uns unserer geistigen Natur und der seelischen Unsterblichkeit bewusst sind - im Moment des Abschiedes überkommen uns Trauer und Schmerz. Es ist wichtig, dem Trauerpozess den nötigen Raum zu geben; nur so können wir bewusst die Kraft glücklicher Stunden mitnehmen und erlittene Verletzungen zurücklassen. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Sterbenden, mit dem Tod allgemein, mit unserem Leben, kann uns dabei unterstützen.

Im Abschied-Nehmen ist es, als ob ein Teil von uns sterben würde. Wieder begegnen wir der Teilung von innen und aussen: Was sichtbar ist, wird vergehen; bestehen bleibt das Unantastbare. Was ist unser Besitz? Nur, was wir im Herzen tragen - und dieses können wir nicht verlieren. So erleben wir oft über den Tod eines uns nahen Menschen eine Verbindung zu ihm; Liebe, Achtung, auch unangenehme Gefühle, bleiben erlebbar. Das Herz überwindet die Mauer, als die der Tod uns erscheint.

Leid entsteht durch Identifikation mit dem Vergänglichen. Wenn es uns gelingt, noch während des irdischen Lebens das Unvergängliche im anderen zu sehen, erleichtern wir uns und ihm das Abschied-Nehmen.

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Dr. med. Rolf Victor Heim

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